Interview

Vier Fragen an Kerstin Signe Danielsson und Roman Voosen zu ihrem neuen Krimi „Die Taten der Toten“

© Linn Salgado

In euren Romanen geht es häufig um politische Themen der Zeitgeschichte. In „Die Taten der Toten“ schreibt ihr über den größten Kriminalfall der schwedischen Geschichte – den Mord an Olof Palme. Wie kam es dazu?

Kerstin Signe Danielsson: Der Sog des Themas ist stark: Ein großes Politikum, ein nationales Trauma, ein echter Kriminalfall, der noch dazu bis heute ungelöst ist. Für Autoren, die ihre Fiktion dicht um die Wirklichkeit flechten, ist diese Tragödie auf vielen Ebenen interessant.
Roman Voosen: Dazu kommen die unzähligen reizvollen, aber auch leicht in die Irre führenden Mythen, Gerüchte und Verschwörungstheorien. Der Palme-Fall ist wahrscheinlich das europäische Pendant zum Kennedy-Attentat. Entsprechend groß erschien uns das erzählerische Potential.

Welche Bedeutung hat Olof Palme für das Schweden von heute?

RV: Palme steht für eine vergangene Epoche: Nie wieder waren soziale Aufstiegschancen, Lohn- und Bildungsgerechtigkeit, aber auch Fortschritts- und Zukunftsoptimismus politisch so etabliert wie in dieser Belle Époque der schwedischen Sozialdemokratie. Außenpolitisch verstand es Palme die Sonderrolle des Landes im Kalten Krieg maximal in die Waagschale zu werfen: Ob Solidarität im Kampf gegen die Apartheit in Südafrika oder durch die Unterstützung verschiedener Befreiungsbewegungen in ehemaligen Kolonialstaaten – Schweden inszenierte sich von Mitte der Sechzigerjahre an erfolgreich als moralische Supermacht.
KSD: Nach Palmes Ermordung war diese Zeit für immer vorbei. Dennoch ist es erstaunlich, wie sehr diese Ära bis heute das Fremd-, aber auch Selbstbild Schwedens prägt. Je nach politischem Blickwinkel als Ideal oder Negativbild. Dieses Spannungsfeld hat uns ungemein angesprochen.

Ihr habt für dieses Buch jahrelang recherchiert. Warum habt ihr einen Kriminalroman geschrieben und kein Sachbuch?

KSD: Wir sind politisch interessierte Literaten, keine Journalisten. Unsere Romanreihe ist trotz aller Blicke in den Rückspiegel der Geschichte eine Erzählung über die heutige schwedische Gesellschaft. Wir verstehen uns insofern in der Tradition von Autoren wie Maj Sjöwall, Per Wahlöö, Henning Mankell oder Stieg Larsson.
RV: Entgegen der Genre-Konventionen von Krimi-Reihen haben wir uns von Beginn an für einen starken, durchgehenden Handlungsstrang entschieden, der über die einzelnen Bände hinausgeht und nun im Mordfall Olof Palme Höhepunkt und Katharsis findet. Mit all den Andeutungen und Cliffhangern haben wir unseren Lesern über die Jahre viel abverlangt. Wir sind dankbar, dass sie diesen Weg bis hierhin mit uns gegangen sind.

Anfang des Jahres erklärte der zuständige Staatsanwalt, in diesem Sommer werde wahrscheinlich der Mörder der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Schweden sind seither elektrisiert. Und ihr?

RV: Ehrlich gesagt war mein erster Gedanke: „Oh, nein! – Da recherchieren wir acht Jahre an der Lösung eines fast unlösbaren Geheimnisses, und dann kündigt die Polizei plötzlich die Aufklärung an. Jetzt bin ich erst einmal gespannt.
KSD: Staatsanwaltschaft und Ermittlungsleitung, die im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger einen ausgezeichneten Ruf genießen, haben sich mit ihren Aussagen selbst unter extremen Druck gesetzt. Nach vierunddreißig Jahren und zahlreichen Ermittlungspannen wird die Öffentlichkeit nur von einer sehr robusten Beweislage zu überzeugen sein. Ich gehe davon aus, dass die Polizei die Tatwaffe sichergestellt hat und sie mehr oder weniger plausibel mit einer bestimmten Person verknüpfen kann.

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